Die verrückte Vorliebe erfolgreicher Menschen – und warum du sie vielleicht auch hast
Mal ehrlich: Wenn du an erfolgreiche Menschen denkst, stellst du dir wahrscheinlich jemanden vor, der um 4 Uhr morgens aufsteht, grüne Smoothies trinkt und vor dem Frühstück schon drei Meetings hatte. Die Realität? Könnte unterschiedlicher nicht sein. Morten Hansen, Managementprofessor an der University of California, Berkeley, hat fünf Jahre lang über 5000 Top-Performer in 15 verschiedenen Branchen beobachtet und eine ziemlich paradoxe Erkenntnis gewonnen: Erfolgreiche Menschen lieben es, weniger zu machen. Ja, richtig gelesen. Weniger, nicht mehr.
Seine Formel bringt es auf den Punkt: Mach weniger, dann werde davon besessen – diese Menschen arbeiten nicht länger als andere. Sie jonglieren nicht mit hundert Projekten gleichzeitig. Stattdessen picken sie sich wenige Dinge raus und vertiefen sich darin so krass, dass sie praktisch zu Experten werden. Das klingt erst mal kontraintuitiv, oder? Wir leben in einer Zeit, in der Multitasking wie eine olympische Disziplin behandelt wird und jeder damit prahlt, wie busy er ist. Aber genau hier liegt der Knackpunkt: Erfolgreiche Menschen haben eine fundamentale Abneigung gegen dieses Chaos entwickelt. Sie bevorzugen Fokus statt Fragmentierung.
Vorliebe Nummer eins: Sie stehen auf Herausforderungen wie andere auf Netflix
Hier kommt Carol Dweck ins Spiel, Psychologin an der Stanford University und absolute Koryphäe auf dem Gebiet der Motivationsforschung. Sie hat das Konzept des Wachstumsorientierten Denkens entwickelt und dabei eine faszinierende Beobachtung gemacht: Erfolgreiche Menschen ziehen schwierige Aufgaben regelrecht an wie ein Magnet. Während die meisten von uns bei komplexen Problemen instinktiv zurückschrecken, denken diese Leute: „Geil, eine Challenge!“
Das ist keine Verrücktheit, sondern eine umverdrahtete Präferenz im Gehirn. Dwecks Langzeitstudien zeigten, dass Menschen mit diesem Mindset Herausforderungen als Chancen zum Lernen sehen, nicht als Bedrohung für ihr Ego. Ihr Belohnungssystem reagiert auf Schwierigkeiten anders: Was bei anderen Stress auslöst, triggert bei ihnen Neugier und Motivation. Sie haben quasi ihr mentales Betriebssystem umprogrammiert. Diese Vorliebe für Herausforderungen korreliert direkt mit intrinsischer Motivation – dem Zustand, in dem du Dinge tust, weil sie dir wichtig sind, nicht weil jemand daneben steht und dich anfeuert oder bezahlt. Und intrinsische Motivation, so zeigen dutzende Studien, ist der stärkste Prädiktor für langfristigen Erfolg.
Vorliebe Nummer zwei: Obsessive Vertiefung statt oberflächliches Rumgefummel
Zurück zu Hansens Kernforschung: Die erfolgreichsten Leute in seiner Studie hatten alle eine gemeinsame Eigenschaft – sie konnten sich nicht zufriedengeben mit „gut genug“. Aber Achtung, das bedeutet nicht, dass sie in allem perfektionistisch waren. Im Gegenteil: Sie waren extrem selektiv. Bei den zwei oder drei Dingen, die wirklich zählten, wurden sie zu Detail-Fanatikern. Beim Rest? Da war ihnen „okay“ völlig egal.
Diese Vorliebe für Tiefe statt Breite hat einen Namen in der Psychologie: Deliberate Practice. Anders Ericsson, der Forscher, der das Konzept bekannt gemacht hat, fand heraus, dass Weltklasse-Performer nicht einfach viel üben – sie üben fokussiert. Seine berühmte Studie mit Violinvirtuosen zeigte: Die besten Musiker hatten nicht mehr Übungsstunden absolviert als mittelmäßige, sondern intensivere Übungseinheiten. Sie vertieften sich in spezifische, schwierige Passagen, bis sie diese meisterhaft beherrschten. Im Job bedeutet das: Erfolgreiche Menschen haben eine Vorliebe dafür entwickelt, bei einem Projekt jeden Winkel zu durchleuchten, jede Schwachstelle zu finden, jede mögliche Verbesserung zu erkennen. Das macht ihre Arbeit außergewöhnlich – und genau dafür werden sie belohnt.
Vorliebe Nummer drei: Pausen wie ein Boss
Jetzt kommt der Teil, der die meisten überrascht: Erfolgreiche Menschen haben auch eine krass ausgeprägte Vorliebe für Nichtstun. Nicht im Sinne von Faulheit, sondern im Sinne von strategischer Regeneration. Eine Meta-Analyse von 212 Studien zur Arbeitspsychologie fand heraus: Menschen, die bewusst Pausen einlegen, sind nicht nur produktiver, sondern auch kreativer und weniger anfällig für Burnout.
Das widerspricht komplett dem Bild vom durchgearbeiteten Entrepreneur, oder? Aber die Wissenschaft ist eindeutig: Dein Gehirn braucht Downtime. Während du scheinbar nichts tust – spazieren gehst, meditierst oder einfach nur aus dem Fenster starrst – passiert neurologisch gesehen eine Menge. Dein Gehirn konsolidiert Gelerntes, bildet neue neuronale Verbindungen und verarbeitet Informationen im Hintergrund. Dieser Prozess, bekannt als hippocampale Konsolidierung, funktioniert nur, wenn du ihm Raum gibst. Erfolgreiche Menschen haben intuitiv oder durch schmerzhafte Erfahrung gelernt: Nach intensiven Arbeitsphasen braucht das Gehirn Erholung. Sie strukturieren ihren Tag nicht als Marathon von Meeting zu Meeting, sondern in Sprints mit bewussten Regenerationsphasen dazwischen.
Vorliebe Nummer vier: Sie suchen sich ihr Rudel verdammt genau aus
Menschen, die beruflich weit kommen, haben eine besondere Antenne dafür, mit wem sie ihre Zeit verbringen. Das klingt vielleicht hart, ist aber keine Kälte – es ist eine bewusste Präferenz für Beziehungen, die sie weiterbringen. Die Harvard Grant Study, eine der längsten Langzeitstudien überhaupt, untersuchte über 80 Jahre hinweg, was Menschen erfolgreich und glücklich macht. Ergebnis: Enge, positive Beziehungen sind der stärkste Prädiktor für beides.
Aber hier ist der Clou: Erfolgreiche Menschen bevorzugen nicht einfach irgendwelche Beziehungen. Sie haben eine Vorliebe für Menschen entwickelt, die sie herausfordern, inspirieren und auf ein höheres Niveau ziehen. Das ist kein berechnetes Networking, sondern eine organische Anziehung zu Gleichgesinnten. Sie fühlen sich energetisiert nach Gesprächen mit ehrgeizigen, neugierigen Menschen – und meiden instinktiv Energie-Vampire. Die Sozialpsychologie bestätigt: Dein Umfeld formt deine Gedanken, Gewohnheiten und am Ende deine Leistung. Wenn du dich mit Menschen umgibst, die höhere Standards haben, hebt das automatisch deine eigenen.
Erkennst du dich in diesen Vorlieben wieder?
Jetzt wird es diagnostisch spannend. Wenn du beim Lesen genickt hast und denkst „Ja, genau so funktioniere ich!“, könnte das bedeuten, dass du ähnliche kognitive Muster besitzt wie erfolgreiche Menschen. Das garantiert dir nicht den nächsten Karrieresprung – Erfolg hängt von tausend Faktoren ab, viele außerhalb deiner Kontrolle. Aber es zeigt, dass du Präferenzen hast, die nachweislich mit besserer Leistung korrelieren. Schau mal, ob mehrere dieser Punkte auf dich zutreffen:
- Du fühlst dich von schwierigen Aufgaben angezogen statt abgeschreckt
- Du bevorzugst es, dich tief in wenige Projekte zu vergraben, statt überall mitzumischen
- Du hast eine natürliche Neigung, Details zu verstehen und Dinge zu durchdringen
- Du merkst instinktiv, wann dein Gehirn eine Pause braucht, und gönnst sie dir auch
- Du suchst aktiv Kontakt zu Menschen, die dich challengen und inspirieren
Je mehr Punkte zutreffen, desto wahrscheinlicher besitzt du ein Präferenzmuster, das mit beruflichem Erfolg zusammenhängt. Aber – und das ist wichtig – Korrelation ist nicht Kausalität. Die Forschung zeigt, dass erfolgreiche Menschen diese Vorlieben haben, nicht dass die Vorlieben automatisch Erfolg erzeugen. Psychologen nennen das den Survivorship Bias: Wir untersuchen die Gewinner und übersehen all jene mit denselben Strategien, die trotzdem nicht den gewünschten Durchbruch schaffen. Strukturelle Barrieren, mangelnde Chancen, Pech, unterschiedliche Definitionen von Erfolg – all das spielt eine Rolle.
Wie du diese Vorlieben entwickeln kannst
Die richtig gute Nachricht: Vorlieben sind nicht genetisch festgelegt. Dein Gehirn ist plastisch und kann neue Präferenzen entwickeln, wenn du die richtigen Erfahrungen machst. Wenn du denkst „Ich habe diese Vorlieben nicht, will sie aber entwickeln“, gibt es konkrete Wege. Für die Vorliebe zu Herausforderungen: Fang klein an. Such dir bewusst eine Aufgabe, die dich leicht überfordert – nicht brutal, nur ein Stück außerhalb deiner Komfortzone. Beobachte, wie du dich während und nach der Bewältigung fühlst. Mit der Zeit lernt dein Belohnungssystem, diese Herausforderungen als positiv zu bewerten.
Für die obsessive Vertiefung: Experimentiere mit Deep Work Blöcken. Reserviere täglich 90 Minuten für eine einzige Aufgabe, ohne jegliche Ablenkung. Kein Smartphone, keine Mails, keine Unterbrechungen. Am Anfang fühlt sich das unangenehm an – dein Gehirn ist es gewohnt, alle paar Minuten abgelenkt zu werden. Aber mit Übung entwickelst du eine echte Vorliebe für diesen Fokuszustand, weil du die Qualität deiner Arbeit spürst. Für bewusste Regeneration: Behandle Pausen wie wichtige Meetings. Trag sie in deinen Kalender ein. Experimentiere mit verschiedenen Erholungsaktivitäten und beobachte, was dich wirklich auflädt. Für das richtige Umfeld: Such gezielt nach Communities, in denen Menschen mit ähnlichen Ambitionen zusammenkommen.
Was erfolgreiche Menschen definitiv nicht bevorzugen
Manchmal ist es aufschlussreicher zu schauen, was erfolgreiche Menschen nicht mögen. Hansens Forschung zeigt: Sie haben keine besondere Vorliebe für lange Arbeitszeiten an sich. Sie arbeiten nicht mehr, weil sie das geil finden, sondern weil sie so vertieft in ihre Aufgaben sind, dass die Zeit verfliegt. Das ist ein subtiler, aber wichtiger Unterschied. Sie präferieren nicht „beschäftigt sein“, sondern „vertieft sein“. Sie haben auch keine Vorliebe für Multitasking – im Gegenteil: Top-Performer entwickeln tendenziell eine Abneigung gegen das gleichzeitige Bearbeiten mehrerer Aufgaben, weil sie aus Erfahrung wissen, dass es ihre Qualität mindert.
Und überraschenderweise haben viele erfolgreiche Menschen keine Vorliebe für Perfektion in allem. Sie haben gelernt zu unterscheiden: obsessive Perfektion in den wenigen Dingen, die wirklich zählen, und bewusstes „Gut genug“ bei allem anderen. Diese Unterscheidungsfähigkeit ist selbst eine wichtige Präferenz. Sie verschwenden keine Energie damit, unwichtige Details zu polieren.
Das große Bild: Vorlieben als Navigation, nicht als Schicksal
Am Ende geht es nicht darum, deine Persönlichkeit komplett umzukrempeln oder dich zu zwingen, Dinge zu mögen, die dir fundamental widerstreben. Die Forschung zeigt vielmehr: Erfolgreiche Menschen haben gelernt, ihre natürlichen Neigungen mit strategischen Vorlieben zu verbinden. Wenn du von Natur aus introvertiert bist, wirst du wahrscheinlich nie eine Vorliebe für Networking-Events mit hundert Fremden entwickeln – und musst du auch nicht. Aber du könntest eine Vorliebe für tiefe Eins-zu-Eins-Gespräche mit interessanten Menschen kultivieren, die denselben Effekt haben.
Wenn du ein sehr kreativer Mensch mit vielen Interessen bist, wird obsessive Fokussierung auf eine Sache sich vielleicht nie natürlich anfühlen. Aber du könntest eine Vorliebe für obsessive Phasen entwickeln – Zeiträume intensiver Fokussierung, gefolgt von bewussten Phasen der Exploration. Die Neurowissenschaften zeigen: Fokussierte Aufmerksamkeit reduziert die Aktivität des Default Mode Network, das für Gedankenwandern verantwortlich ist, und erhöht die Aktivität im präfrontalen Kortex, was tiefere Problemlösung fördert. Erfolgreiche Menschen haben eine Vorliebe für diesen Zustand entwickelt, weil sie gemerkt haben: Hier entsteht ihre beste Arbeit.
Die Psychologie des beruflichen Erfolgs ist keine Einheitslösung. Sie zeigt Muster und Prinzipien, die du an deine individuelle Situation anpassen kannst. Die Vorliebe für Fokussierung, für Herausforderungen, für bewusste Regeneration und für inspirierende soziale Kontakte – das sind keine starren Regeln, sondern flexible Orientierungspunkte. Wenn es eine übergeordnete Vorliebe gibt, die alle anderen verbindet, dann ist es diese: Erfolgreiche Menschen haben eine Vorliebe für bewusste Entscheidungen. Sie lassen ihre Zeit, Energie und Aufmerksamkeit nicht einfach passieren, sondern gestalten aktiv, worauf sie sich einlassen und worauf nicht.
Beobachte deine eigenen Vorlieben. Frage dich nicht nur „Was mache ich?“, sondern „Was mache ich gerne?“ und „Warum mache ich das gerne?“. Die Antworten könnten dir mehr über dein Erfolgspotenzial verraten als jeder Persönlichkeitstest – und sie könnten dir zeigen, wo du ansetzen kannst, um Präferenzen zu entwickeln, die dich weiterbringen. Denn beruflicher Erfolg ist nicht nur eine Frage von Talent oder Glück, sondern auch von den tausend kleinen Vorlieben, die jeden Tag bestimmen, wohin wir unsere begrenzte mentale Energie lenken.
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